Es vergeht kaum mehr eine Woche, in der die einschlägigen Fachzeitschriften nicht von neuen alternativen Versicherungsverträgen berichten. Sei es, dass ein Versicherer Teile seines Katastrophen-Portefeuilles über eine Securitisation absichert oder ein internationaler Industriekonzern eine All-Risk-Deckung abschließt, die neben den traditionellen Exposures auch neue Finanzrisiken abdeckt. Die Vielfalt möglicher Versicherungslösungen und -techniken wächst kontinuierlich, getrieben durch die Erfahrungen aus ersten Verträgen, einer wachsenden Risikobereitschaft aufgrund des stagnierenden Wachstums im weichen Versicherungsmarkt und den schier unerschöpflichen Möglichkeiten, die ART für viele Unternehmensbereiche zu bieten scheint.

Neben den technischen und konzeptionellen Fähigkeiten, die solche Transaktionen erfordern, liegt der Schlüssel für eine erfolgreiche Entwicklung vor allem im Übergang von einem produktbezogenen Lösungsansatz zu ganzheitlichen Risikolösungen.

Bislang wurden Versicherungsverträge primär als Mittel verstanden, gegen Zahlung einer Prämie Risiko von einem Industrieunternehmen (oder Versicherer) auf einen Versicherer (oder Rückversicherer) zu übertragen. Auf der Schwelle zum neuen Jahrtausend scheint sich dieser Zusammenhang grundlegend zu ändern. Getrieben vom Shareholder-Value-Ansatz und wertorientierter, auf stabile künftige Ergebnisentwicklung ausgerichteter Unternehmensziele, wenden sich multinationale Unternehmen sowie (Rück-)Versicherer neuen Lösungsansätzen für ihr Risikomanagement zu. Diese Entwicklung bedeutet eine fundamentale Restrukturierung des Versicherungsmarktes, indem die traditionelle Versicherungslehre auf den Prüfstand gestellt wird und die Grundpfeiler des Versicherungsmarktes hinterfragt werden.

Nach traditioneller Auffassung lassen sich Risiken in “versicherbar” und “nicht versicherbar” einteilen. Versicherbare Risiken werden, soweit möglich, durch standardisierte Produkte abgesichert. Dies gestattet den Kunden, Teile ihres Risikoportefeuilles auf den Versicherer zu übertragen und ermöglicht den Versicherungsunternehmen einen Ausgleich im Portefeuille oder über die Zeit. Die Deregulierung der Versicherungsmärkte sowie die Globalisierung der Märkte haben jedoch zu einer starken Nachfrage nach neuen Versicherungsprodukten geführt. Internationale Unternehmen können es sich nicht mehr erlauben, Einzelrisiken individuell abzusichern. Vielmehr suchen solche Firmen nach ganzheitlichen Versicherungslösungen, die sowohl operative als auch finanzielle Risiken abdecken und somit die strategischen Ziele der Organisation unterstützen. Man geht derzeit davon aus, dass nur etwa 20 Prozent aller operativen Risiken durch traditionelle Risiken abgedeckt werden.

Ein effizientes Versicherungsprogramm ist somit nicht mehr die bloße Abdeckung einzelner Risiken durch standardisierte Produkte, sondern vielmehr eine ganzheitliche Versicherungslösung, abgestimmt auf die spezifischen Bedürfnisse des Versicherungsnehmers. Diese Entwicklung stellt eine besondere Herausforderung an die Fähigkeiten und das Know-how aller Beteiligten dar. Neben den traditionellen Disziplinen Risk Management, Underwriting, Versicherungsmathematik und Schadenabwicklung verlangen die neuen Lösungsansätze weitreichendes bilanzielles, steuerliches und rechtliches Wissen, um Kunden bei der Strukturierung eines Programmes kompetent unterstützen zu können. Insbesondere bei internationalen Firmen müssen innovative Lösungen auf die rechtlichen Rahmenbedingungen aller Länder der zu versichernden Tochtergesellschaften abgestimmt sein. Die Anforderungspalette reicht hierbei von ausreichendem Risikotransfer der Versicherungsverträge bis zu lokalen Besonderheiten des jeweiligen Industriesektors. Der Erfolg solch komplexer Versicherungsstrukturen hängt somit wesentlich von der Fähigkeit der Versicherer ab, internes Underwriting-Know-How für die betroffenen Industrien bereitzustellen oder schnell auf externes Spezialwissen zurückgreifen zu können. Der Shareholder-Value-Ansatz sowie der gestiegene Bedarf an finanzieller Risikodeckung zwingt Entwickler alternativer Lösungen darüber hinaus, die Bandbreite und Produktpalette von Bank- und Finanzmarktprodukten zu beherrschen. Dies wird um so wichtiger, als sich Versicherer vermehrt an den Kapitalmarkt wenden, um neue Kapazitäten für Katastrophenrisiken bereitzustellen.

Diese neuen Anforderungen an die Entwicklung alternativer Lösungen hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl großer Versicherungsunternehmen veranlasst, spezialisierte Tochterfirmen zu gründen, die sich aus Experten verschiedenster Fachrichtungen zusammensetzen. Neben der Entwicklung und konzeptionellen Umsetzung innovativer Lösungen lässt sich die Hauptaufgabe dieser Teams in zwei Bereiche einteilen.

Zum einen sollen sie den Kunden bei der Risikoidentifikation aller die Organisation betreffenden Gefahren beraten und unterstützen. Dieser Prozess ist sehr zeitaufwendig und erfordert enge Zusammenarbeit zwischen dem Versicherer und seinem Kunden. Der Versicherer ist gefragt, als Berater des Risikomanagers seines Kunden zu agieren und neben den bekannten operativen Risiken auch finanzielle und solche operativen Risiken, die bislang vernachlässigt wurden, zu identifizieren. Dieser Ansatz ist jedoch nur dann erfolgversprechend, wenn der Kunde seinerseits bei der Identifikation der operativen Risiken mitwirkt. Er ist um so effizienter, je kooperativer die Zusammenarbeit und je offener der Informationsfluss zwischen Versicherer und Kunde ist.

Zum anderen ist es für den Versicherer notwendig, die Motivation des Kunden richtig verstehen und beurteilen zu können. So wird sich eine erfolgreiche Versicherungslösung, die vorwiegend operativ motiviert ist, deutlich von einer finanzorientierten Lösung unterscheiden. Um das zugrundeliegende Risiko und die Kundenmotivation richtig einschätzen zu können und eine die Unternehmensstrategie unterstützende ART-Lösung zu finden, sollten die folgenden Punkte berücksichtigt werden:

  • Der Kunde ist ein finanzkräftiges Unternehmen und betreibt eine glaubhafte Unternehmensstrategie mit ausreichendem Gewinnpotential. Da alternative Versicherungslösungen in der Regel über eine mehrjährige Laufzeit abgeschlossen werden, ist der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens zur Erfüllung der vertraglichen Vereinbarungen wichtig. Abhängig von der Struktur einer solchen Transaktion strecken sich die Prämienzahlungen häufig über einen mehrjährigen Zeitraum, während der Versicherungsschutz in vollem Umfang bereits bei Vertragsbeginn gegeben ist. In diesem Fall erhöht sich das Kreditrisiko für den Versicherer, was sich in der Prämie widerspiegeln wird. Eine glaubhafte Unternehmensstrategie für die Vertragslaufzeit und darüber hinaus hilft somit das Ausfallrisiko zu reduzieren und die Prämie zu senken.

  • Die Deckungswünsche des Kunden für seine unternehmerischen Risiken (operative und finanzielle Risiken) lassen sich eindeutig bestimmen und bewerten. Häufig bestehen Missverständnisse hinsichtlich der Grenzen und Möglichkeiten von alternativen Lösungen. Insbesondere in solchen Märkten, die mit ART-Konzepten weniger vertraut sind, wird ART häufig als “Wundermittel” angesehen, sämtliche unternehmerischen Risiken auf einen Dritten transferieren zu können. Um solche Missverständnisse und zeit- sowie kostenintensive Analysen von allgemeinen ART-Anfragen zu vermeiden, müssen Kunde und Versicherer ein klares Verständnis des zugrundeliegenden Risikos erwerben.

  • Der Kunde ist in der Lage, das Risiko objektiv zu beurteilen und ist ggf. bereit, Teile des Risikos selber zu tragen. Dieser wesentliche Punkt sollte bereits zu Beginn der Produktentwicklung mit allen Beteiligten klar kommuniziert werden. Ein Lösungskonzept ist nur dann erfolgversprechend, wenn Chancen und Risiken von beiden Vertragspartnern erkannt und im gegenseitigen Einverständnis geteilt werden. Grundvoraussetzung ist auch hier Risikoverständnis und Risikoanalyse.

  • Der Kunde ist an einem offenen Dialog über die zugrundeliegenden Risiken interessiert und bereit, alle notwendigen Informationen offenzulegen (z.B. historische Schadendaten, Bilanzen, etc.). Dieser Kooperationslevel geht deutlich über bisher übliche Formen der Zusammenarbeit zwischen Versicherer und Versichertem hinaus. Die Informationsqualität und -quantität lassen häufig Rückschlüsse auf den Grad der Zusammenarbeit zu und können häufig als Indikator für die Qualität einer alternativen Lösung herangezogen werden.

  • Der Versicherer hat die Ressourcen und das Know-how um das Unternehmen, die Risiken sowie das gesetzliche und bilanzielle Umfeld des Kunden verstehen und analysieren zu können. Wie bereits erwähnt, werden die Strukturen innovativer Risikolösungen um so komplexer, je mehr unternehmerische und finanzielle Risiken in eine ganzheitliche Lösung einbezogen werden. Um ein optimales Ergebnis zu gewährleisten, muss der Versicherer die Auswirkungen einer solchen Lösung sowohl auf die operative Tätigkeit als auch auf das finanzielle und bilanzielle Ergebnis des Kunden berückksichtigen können. Wollen Versicherer auf relativ teuere externe Hilfe verzichten, müssen sie ihre Expertise von einem stark produktbezogenen Wissen auf ein allgemeineres Wirtschaftswissen erweitern.

    Um eine kooperative Teamlösung zwischen Kunde und Versicherer effizient zu gestalten, benötigen beide Parteien ein klares Verständnis der gegenseitigen Ziele. Aus der Sicht des Versicherer bedeutet dies die Offenlegung der eigenen Risikobereitschaft sowie des zur Verfügung stehenden Kapitalstocks. Beide Seiten müssen der Überzeugung sein, dass die gemeinsame Lösung die eigenen strategischen Vorgaben unterstützen und Mehrwert für das Unternehmen schafft. Das Verhältnis beider Parteien wandelt sich daher von der einseitigen Bereitstellung einer Dienstleistung zu einer zweiseitigen, dialogorientierten Teamlösung. Versicherer und Kunde werden Partner - ein vielgehörter Slogan, der bisher aber nur selten gelebt wurde. Daraus ergibt sich dann auch eine Abkehr von den zeitraubenden Vertragsverlängerungen hin zu einem konstanten Dialog, bei dem Änderungen der Risikostruktur konstant in die bestehende Risikolösung eingebaut werden.

    Wenn ART-Produktentwickler auf Dauer erfolgreich bestehen und effiziente Lösungen für globale Unternehmen anbieten wollen, so benötigen sie die Bereitschaft, sich von veralterten Produkten zu trennen. Viele solcher Produkte werden sicherlich noch lange zum Produkt-Portefeuille der Versicherer gehören. Die Entwicklung neuer Risiken, die gestiegenen Erwartungen der Investoren und die rasante Geschwindigkeit, mit der sich die moderne Wirtschaftswelt entwickelt, verlangen jedoch Lösungskonzepte, die weit über die Möglichkeiten traditioneller Produkte hinausgehen. Uberrima fides, ein im englischen common law gebräuchlicher Begriff, der im deutschen Vertragsrecht in etwa der “vorvertraglichen Anzeigepflicht” entspricht, bekommt durch den intensiven Informationsaustausch besondere Bedeutung. Dieses wird künftig um so wichtiger, wenn sich Unternehmen von der Verpflichtung zur Offenlegung versicherungsspezifischer Daten zum bereitwilligen Teilen aller unternehmerischer Risikoinformationen wandeln.

  • Tim Johnson, Gerling Group Financial Products Europe +44 20 7696 8162 tjohnson@ggfpeurope.com

  • Stephan Schopp, Gerling Group Financial Products Europe +44 20 7696 8168sschopp@ggfpeurope.com

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