Bislang war in der Versicherungsindustrie das Interesse für die Gentechnologie

Bislang war in der Versicherungsindustrie das Interesse für die Gentechnologie

überwiegend auf den Bereich von Gentests konzentriert. Die wichtigsten Fragen waren: Wie soll mit genetischen Daten umgegangen werden? Müssen Versicherer hiervon in Kenntnis gesetzt werden? Besteht nicht die Gefahr einer unfairen Diskriminierung durch die Versicherungsunternehmen oder sind Gentests wie andere konventionelle diagnostische Tests zu hand haben? Dies ist nur eine kleine Auswahl an Fragen, die vor allem eines widerspiegelt: Die Sorge der Öffentlichkeit, dass mit den Erkenntnissen der gentechnologischen Revolution nicht verantwortungsvoll umgegangen wird.

Dabei wird die gegenwärtige Bedeutung und Auswirkung von Gentests in der Risikoprüfung von Lebensversicherungen weit überschätzt, wie kürzlich eine interne Untersuchung der Münchener Rück ergab. So hatten im letzten Jahr in allen Antragsabteilungen der Münchener Rück weltweit nicht mehr als jeweils eine Handvoll Gentests bei Antragstellung vorgelegen.

Durch die Fokussierung auf die Genomanalyse wird nicht selten übersehen, dass inzwischen auch ganz andere Bereiche der Gentechnologie die Assekuranz erfassen. Ähnlich wie die Bits und Bytes in den letzten beiden Jahrzehnten den Umgang mit Informationen wandelten, so werden nun die Gene und Proteine nachhaltigen Einfluss auf unser Gesundheitswesen, die Landwirtschaft und unsere Ernährung sowie viele Industriezweige und natürlich auch die Assekuranz ausüben.

Diese Entwicklungen waren Gegenstand eines Management Symposiums, zu dem die Münchener Rück Ende des Jahres 1999 renommierte Forscher aus den verschiedensten Bereichen und Unternehmer der deutschen Versicherungswirtschaft eingeladen hatte, um zusammen mit Experten der Münchener Rück, das Ausmaß dieser Revolution und ihre zukünftigen Auswirkungen auf die Assekuranz zu diskutieren. Teilnehmer des Symposiums waren u. a. Professor Dr. Jens Reich, Sprecher des deutschen Human-Genom-Projektes, Professor Dr. Günter Stock, Vorstandsmitglied der Schering AG in Berlin, u. a. zuständig für Forschung und Entwicklung, und Professor Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Im Mittelpunkt dieses Symposiums stand das weltweite Human-Genom-Projekt, welches laut Professor Reich nicht nur zu einem völlig neuen Krankheitsverständnis mit neuen Diagnosen und Behandlungsmöglichkeiten führen wird, sondern welches auch die Verlängerung der menschlichen Lebensspanne denkbar werden lässt. Augenblicklich versucht die Forschung noch, den Alterungsprozess selbst zu verstehen. Dabei konkurrieren zwei Konzepte miteinander. Das erste sieht den Ablauf des menschlichen Lebens in Phasen programmiert, wohingegen das andere Konzept den Alterungsprozess als einen Verschleiß durch die Ansammlung von schädigenden Faktoren versteht. Bei beiden Konzepten bieten sich interessante Ansatzpunkte für eine Beeinflussung der Lebenserwartung durch die Gentechnologie.

Professor Stock sprach in seiner Eigenschaft als Pharmavorstand für Forschung und Entwicklung von einer umwälzenden Entwicklung in der Pharmabranche, die von der Öffentlichkeit bisher weitgehend unbemerkt blieb („Stille Revolution”). Die dramatische Verschiebung der Altersstruktur in vielen Märkten wird auch die Pharmaindustrie vor ganz besondere Herausforderungen stellen. Der damit verbundenen Kostenexplosion kann nur dadurch begegnet werden, daß die häufigen, bevorzugt im Alter vorkommenden chronischen Erkrankungen möglichst frühzeitig, besser sogar noch vor ihrem eigentlichen Auftreten entdeckt und behandelt werden.

Dank der Erkenntnisse des Human-Genom-Projektes wird sich das Spektrum von Medikamenten in kurzer Zeit drastisch erweitern, denen ganz neue Wirkprinzipien folgen werden. Gleichzeitig zu dem Human-Genom-Projekt ermöglichen rasant fortschreitende Technologien in Form von Genchips, diese Medikamente gezielter und individueller auf die jeweilige genetische Ausstattung des Patienten abzustimmen (Pharmakogenetik).

Ein weiteres Anwendungsgebiet findet sich in der Gentherapie. Hier gab Professor Stock Einblicke in die pharmazeutische Forschung, bei der Patienten mit hochgradigen Herzgefäßverengungen mittels gentechnologisch veränderter Viren ein Gen eingepflanzt wird, welches Ersatzgefäße gewissermaßen biologisch wachsen läßt. Einen klinischen Einsatz erwartet das Unternehmen bereits in sechs Jahren. Dann stünde mit dem biologischen Bypass eine echte Alternative zu der heute immer noch recht aufwendigen Bypass-Operation zur Verfügung.

Professor Winnacker konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf die gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensmittel. Seiner Meinung nach sind hier die Risiken im Vergleich zu den konventionellen Risiken in diesem Bereich gut abschätzbar und beherrschbar. Beispielsweise unterliegen gentechnologisch modifizierte Lebensmittel in Europa strengen Zulassungsrichtlinien. Dadurch werden diese Produkte oft besser kontrolliert als herkömmliche Lebensmittel. Trotz wachsender öffentlicher Vorbehalte gegen die grüne Gentechnologie, sieht Professor Winnacker die weitere Entwicklung sehr optimistisch. Wenn allein die Weltbevölkerung jährlich um 86 Millionen Menschen wachse, so muß bis zum Jahr 2020 den Berechnungen von Ökonomen zufolge mit einer gesteigerten Nachfrage der Grundnahrungsmittel Weizen, Reis und Mais von bis zu 40% gerechnet werden. Der konventionelle Ackerbau sei nun weitestgehend ausgereizt und die zunehmende Versteppung vieler Gebiete werde dazu führen, daß es sich die Menschheit letztlich gar nicht leisten könne, auf den Nutzen der gentechnologischen Ertragssteigerungen von Agrarprodukten zu verzichten.

Die Versicherungswirtschaft wird heute schon von den ersten Ausläufern der gentechnologischen Revolution erfasst. So sind beispielsweise gentechnisch modifizierte Pflanzen häufig nicht standortadaptiert und somit verstärkt gegenüber Klimaeinflüssen exponiert, was wiederum Mindererträge in der Ernte mit sich bringt. Gentechnisch modifizierte Mikroorganismen in Kläranlagen oder Flüssigkeitsbehälter mit gentechnologisch modifizierten Bakterien (Fermenter) in der Pharmaindustrie bedürfen eines besonderen Know-hows, um auf Sicherheit oder Betriebsausfall versichert werden zu können. Von besonderer Relevanz ist diese Problematik für Haftplichtversicherer, die für Schadensfälle geradestehen müssen, die oft erst nach einer Latenzzeit von mehreren Jahren bis Jahrzehnten eintreten. So müssen sie in vielen Ländern selbst dann für Personen- und Umweltschäden haften, wenn Hersteller von Gentechnikprodukten nach dem damals aktuellsten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse gar nicht mit der Gefahr solcher Schäden rechnen konnten.

Personenversicherung

Die größten Auswirkungen der neuen Zukunftstechnologie finden sich jedoch bereits heute in der Personenversicherung. Das Themenfeld eines stetig zunehmenden Spektrums an Gentests wird intensiv diskutiert. Derzeit sind die Testmöglichkeiten auf relativ wenige und noch dazu sehr selten auftretende Erkrankungen beschränkt. Aber die Chiptechnologie wird auch hier mittelfristig neue Möglichkeiten erschließen, wenn Hunderttausende von Gentests auf einem einzelnen Genchip zusammengefasst werden können. Dadurch wird der Präventivmedizin eine ganz neue Bedeutung zukommen. Statt bisher relativ pauschaler, und daher nur halbherzig befolgter Gesundheitsempfehlungen, wie fettarme Ernährung, Nikotinkarenz und vermehrte Bewegung, zeichnet sich in Zukunft die Möglichkeit ab, dass Ärzte in Abstimmung mit der individuellen genetischen Ausstattung des Patienten, wesentlich individuellere und damit auch erfolgsversprechende Vorsorgemaßnahmen empfehlen können.

Selbst Jeremy Rifkin, Publizist und prominenter Kritiker der Gentechnik, sieht hier sogar die Möglichkeit, dass Versicherungsunternehmen und Pharmaindustrien präventive Gesundheitsnetze bilden und so ein bisher überwiegend auf Krankheit abgestelltes Gesundheitssystem auf die wirkliche Gesundheitserhaltung umstellen. Ein weiterer wichtiger Faktor, der in Zukunft für die Versicherungswirtschaft relevant sein wird, ist die zunehmende Alterung der Bevölkerung in den entwickelten Märkten, die noch durch die Gentechnologie bedingte zunehmende Langlebigkeit verstärkt wird. Effektivere Medikamentenentwicklung, neue Möglichkeiten durch Gentherapie sowie Einblicke in den molekularen Alterungsprozess des Menschen werden wohl zu einer merklichen Verlängerung der Lebenserwartung der Menschen beitragen.

Francis Collins, Leiter des internationalen Human-Genom-Projektes, geht sogar

davon aus, dass im Jahre 2050 die durchschnittliche Lebenserwartung 90 - 95 Jahre beträgt. Dieser demografische Wandel wird sich in den Kalkulationen der Versicherungen in Zukunft zunehmend mehr widerspiegeln. Beispielsweise werden Rentenversicherer diese Entwicklung durch einen zusätzlichen Nachreservierungsbedarf oder durch Einführung neuer Rechnungsgrundlagen berücksichtigen müssen. Auch die im höheren Alter vermehrt auftretenden chronischen Erkrankungen werden durch vollkommen neuartige Therapieverfahren bis hin zum gentechnologischen Ersatz von ganzen Organen ohne Probleme im Immunsystem letztlich zu einer Neubewertung für Todesfallsicherungen führen müssen. Laut Dr. Gerhard Rupprecht, Vorstandsvorsitzender der Allianz Leben, Stuttgart, werden die Auswirkungen der gentechnologischen Revolution auch zu einer zusätzlichen Ausweitung der Versicherbarkeit führen, wie dies auch der “normale, konventionelle” medizinische Fortschritt im 20. Jahrhundert kontinuierlich ermöglicht hat.

Ein Resümee dieses Münchener Rück Gentechnologie-Symposiums zog Dr. Detlef Schneidawind, Mitglied des Vorstands der Münchener Rück. Risiken werden sich auch mit dieser Zukunftstechnologie nicht vermeiden lassen. Daher ist es vordringlich, diese Risiken frühzeitig zu identifizieren und zu quantifizieren, um so die Chancen, die die Gentechnologie mit sich bringt und die das Risikopotential sicherlich überragen werden, wirklich verantwortlich nutzen zu können.

  • Dr. Achim Regenauer ist Chefarzt der Münchener Rück.

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