Neues Gesetz sorgt für Boom im Schadenmanagement Von John Sanders.

Eine neue Gesetzgebung und sich verändernde Auffassungen in den Unternehmen bringen die Risk Manager aus ihrem Ghetto heraus. Jetzt kümmern sie sich nicht mehr nur um den Brandschutz, sondern um ganz andere Formen des Unternehmensschutzes. Ein Bericht von John Sanders.“In Deutschland ist nicht allgemein bekannt, was Risikomanagement eigentlich ist. Die USA sind da sehr viel weiter”, so Jac Tenniglo, der bei Aon Jauch & Hübener für den Bereich Engineering zuständig ist. Aber der Druck in den Unternehmen wächst - sie wollen mehr Leistung für ihre Versicherungsprämien sehen. Außerdem trat im letzten Jahr das neue Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) in Kraft. Deshalb wollen die deutschen Risk Manager jetzt ihre amerikanischen Kollegen einholen.

Das KonTraG geht auf eine Reihe von Unternehmenszusammenbrüchen in Deutschland und in anderen Ländern zurück. Sein Ziel ist es, die Unternehmen transparenter zu machen. Vorstände müssen jetzt Notfallplanungen anlegen - die sich beispielsweise mit Umweltkatastrophen, Mißwirtschaft bei den Finanzen oder Produktrückrufaktionen befassen.

Vorstandsmitglieder, die solche Vorsichtsmaßnahmen nach KonTraG nicht durchführen, können jetzt persönlich dafür haftbar gemacht werden. Das hat das Interesse an dem Thema schlagartig erhöht, gleichzeitig auch das Ansehen der Risk Manager. Klaus Braukmann ist Risk Manager beim Reifen- und Zubehörhersteller Conti. Die Bedeutung dieses Gesetzes könne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. “KonTraG hat in den letzten eineinhalb Jahren sehr großes Interesse ausgelöst.”

Das heißt nicht, daß man in Deutschland in der Gefahrenvorbeugung bei Null anfangen muß. Nach Ansicht Tenniglos gibt es schon eine solide Basis, von der aus das Risikomanagement entwickelt werden kann. Dazu gehören vor allem die strikten Sicherheitsbestimmungen bei Industrie, Gewerbe und Bauindustrie. Die Einführung eines neuen Risikomanagement-Programms besteht deshalb zum Teil darin, bestehende Verfahren zusammenzuführen und Beratung und Erfahrung über die bestmöglichen Maßnahmen, die “best practice” zu sammeln.

Multinationale und amerikanische Unternehmen sind dabei den anderen deutlich voraus. Das liegt vor allem daran, daß in den USA das Konzept des Risikomanagements sehr viel weiter verbreitet ist. Auch Jochen Kosche, zuständig für Sicherheit und Brandschutz bei 3M Deutschland, sieht die deutschen Unternehmen auf dem richtigen Weg. Aber er glaubt, daß die Versicherer mehr tun könnten. Seine Sorge gilt vor allem der Schadenverhütung und der Einhaltung von Regeln und Prozeduren, denn das betreffe Menschen, die Umwelt und das Eigentum der Unternehmen. Kosche wünscht sich von den Versichern mehr Schadendaten, “damit ich die Gefahrenquellen besser identifizieren kann und das Benchmarking in diesem Bereich vorantreiben kann.”

Größere Bandbreite
Risikomanagement geht heute weit über das hinaus, was früher üblich war. Die Vorstellung vom Versicherungseinkauf und dem Schutz vor solchen Risiken wie Feuer wurde viel zu eng. “Wir kümmern uns nicht nur um den Brandschutz. Wir befassen uns beispielsweise heute mit Währungsschwankungen oder mit dem möglichen Verlust von Mitarbeiten mit besonderem Fachwissen. Wir müssen unsere Bilanz schützen, dabei geht es nicht um einzelne Gefahren wie Feuer oder Explosionen”, sagte Conti-Manager Braukmann. “Wir müssen im Auge haben, wie der Kurs unserer Aktien sich entwickelt.”

Carsten Henschel arbeitet für Hoechst – ein Unternehmen, das zahlreiche Herausforderungen hinter sich hat und zur Zeit einen großen Umbau durchlebt. Er glaubt, daß die deutsche Industrie beim umweltbezogenen Risikomanagement in diesem Jahrzehnt große Fortschritte gemacht hat. Jetzt seien die weniger faßbaren Risiken dran. “Dabei geht es vor allem um Aktionäre, Investitionen, feindliche Übernahmen, finanzielle Risiken, Steuerrisiken und die Produkthaftung. Das ist alles nicht neu, aber wir haben noch keine Systeme gefunden, die denen bei der Umweltsicherheit vergleichbar wären.”

Makler, Versicherer und Rückversicherer haben ihren Anteil an der Transformation des Risikomanagements in Deutschland, ihr Schwerpunkt verlagert sich von der bloßen Quantifizierung eines Risikos zu seiner Verhinderung. Heute steht dieses Thema sehr weit oben auf der Tagesordnung der Unternehmen, vor allem jüngere Risk Manager nehmen die Sache in die Hand. Aber noch ist das Risikomanagement nicht vollständig in die strategische Planung integriert. Erst dann, glaubt Dr. Helene Prigge von AssTech, einer Tochter der Bayerischen Rückversicherung, sei eine wirklich perfekte Situation hergestellt. Prigge ist verantwortlich für die Entwicklung von Risikomanagement-Tools.

Die Bayerische Rück gründete AssTech vor zehn Jahren mit zwei Mitarbeitern. Inzwischen sind es 17 - so sehr hat die Nachfrage nach Risikomanagement-Dienstleistungen zugenommen. In diesem Zeitraum hat sich eine neue Philosophie in Bezug auf das Risikomanagement verbreitet: “Wir gehen die Risiken lieber von der Schadenverhütungsseite an, statt aus der Schadenerfahrung zu lernen.”

Nach Ansicht von Hans-Jörg Schill, Chef der Airport Assekuranz Vermittlungs GmbH in Frankfurt, hat diese neue Herangehensweise hat viele Konsequenzen. Die Airport Assekuranz ist der firmengebundene Vermittler des Frankfurter Flughafens. Letztes Jahr installierte der Flughafen Videokameras im Frachtbereich, nahm einen Eigenbehalt von einer Million DM und reduzierte die Diebstahlshäufigkeit dramatisch. Schill zieht solche Lösungen dem “Geldwechseln”, wie er es nennt, vor. “Wir wollen echte Eigenbehalte und Versicherungen nur für die Katastrophenfälle kaufen.”

Das heißt nicht notwendigerweise, daß es weniger Geschäft für Versicherer und Makler gibt. Darin stimmt der Aon-Mann Tenniglo überein mit Peter Hofer, der als Senior Manager für weltweit tätige Kunden bei Gradmann & Holler Marsh & McLennan GmbH zuständig ist. Die Ausweitung des Risikomanagements schaffe neue Möglichkeiten für Makler, die sich aus der traditionellen Rolle des reinen Vermittlers befreien. “Ich glaube, daß die Makler von klassischen Vermittlern zu Beratern werden”, sagte Hofer. Sein Unternehmen spürt schon deutlich den Effekt des KonTraG.

Als Beispiel nennt er die Entscheidung eines großen norddeutschen Stahlherstellers, das Risikomanagement auf Vorstandsebene anzusiedeln. Das sei sicher ein Ergebnis des neuen Gesetzes. Insgesamt verlangen mehr Kunden Beratung über Fabrikbesichtigungen, Finanzrisiken, Arbeitssicherheit, Betriebsrenten, Werksschutz und Kontrollen der Waren, die ein Werk verlassen. Die traditionelle Versicherung ist manchmal nur noch ein kleiner Teil der Arbeit für einen Kunden, sagt Hofer.

Auch Prigge glaubt, daß die Verlagerung des Schwerpunkts von Risikotransfer auf Risikoverhütung nicht notwendigerweise weniger Geschäft bedeutet. Neue Risikomanagement-Tools und Verfahren machen mehr Risiken versicherbar. “In Zukunft wird es wichtiger, sich auf die Risikoanalyse, die Beurteilung der menschlichen Faktoren und auf das Management der Finanzrisiken zu konzentrieren.”

D&O floriert
Ein Beleg für diesen Trend ist der starke Zuwachs beim Absatz von D&O-Versicherungen durch Makler. Auch das kann auf die Befürchtungen von Managern infolge des KonTraG zurückgeführt werden. “Wir haben im letzten Jahr zum ersten Mal D&O-Deckungen gekauft und sind damit einer der ersten Flughäfen in Deutschland”, sagte Schill. In seiner Rolle als Makler empfiehlt er anderen Flughäfen dasselbe. Prigge erwartet eine höhere Nachfrage in technischen Bereichen wie Gentechnik, Pharmazie, dem Internet, bei Computern und Kommunikation. Die Versicherer sehen sich dabei neuen Herausforderungen gegenüber: Sie müssen eine größere Vielfalt von Produkten anbieten, und dabei Risiken mit immer kürzeren Produktlaufzeiten verbinden. Letzteres wird insbesondere bei Gebieten wie der Pharmazie problematisch werden, glaubt sie.

Die Revolution im Risikomanagement bringt neue Gefahren – und neue Techniken damit umzugehen. Beispielsweise hat die AssTech Software-Tools entwickelt, mit denen mehr Mitarbeiter Expertenwissen teilen und damit Risikoanalysen ausführen können.

Um den Wachstumsmarkt Risikomanagement-Beratung bemüht sich mit der Debis auch ein Neuling. Die Tochter der DaimlerChrysler-Gruppe hat Anfang des Jahres eine internationale Versicherungs-Beratungsfirma gegründet. Diese Debis-Tochter entwickelt einen internationalen Research-Dienst für Naturkatastrophen in Deutschland und im Ausland, das Market Research Forum.

Wie neue Techniken sich im Alltag bewähren, zeigt die Zusammenarbeit zwischen dem Frankfurter Flughafen und AON, die dem größten deutschen Flughafen den elektronischen Sofortzugriff auf seine Konten ermöglicht. “Wir können diese Dateien täglich einsehen, unsere Schäden und Selbstbehalte abrufen und feststellen, ob unsere Jahresaggregate erreicht sind oder nicht. Das ist sicherlich eine neue Qualität”, sagte Schill. Der Flughafen arbeitet auch mit den Risikomanagement-Techniken eines weiteren amerikanischen Unternehmens, der Factory Mutual, die als Mitversicherer neben der Allianz an der Schadenversicherung des Flughafens beteiligt ist.

Die konkurrierende Maklergruppe Marsh McLennan bietet ähnliche Dienstleistungen schon in den USA an und will sie im nächsten Jahr für vier multinationale Unternehmen mit Sitz in Deutschland einführen. Hofer erklärt, daß sein Unternehmen bereits jetzt Online-Dienstleistungen anbietet, mit denen Kunden Eigenbehalte berechnen und Vertragseinzelheiten aus der ganzen Welt einsehen können.

Deutschland ist sicher noch nicht an der Spitze des internationalen Risikomanagements - aber mehr und mehr deutsche Marktteilnehmer haben das Potential entdeckt, das ihnen damit für eine Verbesserung ihres Angebots zur Verfügung steht. Gleichzeitig schafft es die Möglichkeit, innovatives Know-how im Risikomanagement zu exportieren.

Das KonTraG und die Möglichkeit, das Geschäft effizienter und effektiver zu organisieren, haben diese Änderungen herbeigeführt. Hofer spricht aus, was die meisten glauben: “Der Markt für Risikomanager, Versicherer und Makler hat sich drastisch geändert, verglichen mit der Situation vor zwei oder drei Jahren. Es wird sich noch viel mehr ändern.”

Schill vom Flughafen Frankfurt ist noch deutlicher: “Ich glaube, daß der Einkauf von Versicherungsschutz nur die letzte Möglichkeit ist. Viel wichtiger sind die Risikomanagement-Maßnahmen, die davor kommen.” Damit sieht Schill wahrscheinlich weiter als die Mehrzahl seiner Kollegen. Aber die Veränderungen sind so rapide, daß diese Auffassung sehr schnell zur Mehrheitsmeinung werden könnte.

John Sanders ist freier Versicherungsjournalist.

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