International gesehen sind seit den späten 70er Jahren nicht weniger als 700 Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften in den sogenannten „Run-Off” versetzt worden, einige mußten anschließend Konkurs anmelden. Dies hat zu einer bemerkenswerten Größenordnung an gekündigten Versicherungs- bzw. Rückversicherungsverträgen geführt, welche sich in Abwicklung befinden. So ist weltweit der abzuwickelnde Bestand in den vergangenen vier Jahren von ca. 220 Milliarden US$ auf über 400 Milliarden US$ anwachsen, wobei davon etwa 30 % auf das Rückversicherungsgeschäft entfallen.

Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die Entwicklungen im Versicherungsmarkt, denn nach einer überdurchschnittlichen Ausdehnung des Marktes in den 70er Jahren folgten in den 80er und 90er Jahren eine Reihe von Katastrophen und Großschäden, Verluste im technischen Geschäft sowie eine Flut von Latenzschäden, die zum Rückzug mancher Gesellschaften vom Markt führten.

Daran hat sich indes bis heute nichts geändert, denn auch gegenwärtig müssen sowohl Versicherungs- als auch Rückversicherungsgesellschaften überall auf der Welt dem ständig wachsenden Wettbewerb und Kostendruck nachgeben, die Zeichnung von Neugeschäft einstellen oder sich aus Geschäftssegmenten zurückziehen, um das sogenannte „Core”-Business zu forcieren. Auch die starken Konzentrationsprozesse in der Versicherungswirtschaft in den letzten Jahren haben bei dieser Entwicklung geholfen. Es wird daher damit gerechnet, daß sich dieser Abwicklungsbestand weltweit weiter vergrößert.

Es sollte indes bereits an dieser Stelle festgehalten werden, daß nicht notwendigerweise die Einstellung der aktiven Zeichnungstätigkeit erforderlich ist, um einer Gesellschaft in dem hier besprochenen Sinne einen Run-Off Bestand zuzurechnen. Jede Gesellschaft, die sich über eine Anzahl von Jahren mit der Zeichnung und der Verwaltung von (Rück-)Versicherungsgeschäft befaßt hat, wird wenigstens einen Teil ihres Portefeuilles in Abwicklung haben, welcher gekündigt, nicht verlängert oder sonstwie endgültig beendet wurde.

Insofern treffen die hier getroffenen Feststellungen und Wirkungen sowohl auf solche Gesellschaften zu, die die Zeichnung von Neugeschäft eingestellt haben, als auch auf jene, welche zwar weiterhin aktiv zeichnen, aber darüber hinaus einen bereits abgeschlossenen Vertragsbestand zu verwalten haben. Dies dürfte wohl bei jeder Rück-Versicherungsgesellschaft der Fall sein, mit den entsprechenden Schwierigkeiten, insbesondere wenn man etwa an die langfristige Abwicklung von Kraftfahrzeug-Haftpflichtverträgen denkt.

Die Gründe für eine Gesellschaft, die Zeichnungstätigkeit einzustellen, sind vielfältig. Neben Entwicklungen in der Rechtsprechung, strukturellen Veränderungen in einigen Märkten, sind insbesondere ungünstige Schadenentwicklungen und fehlerhaftes Underwriting Ursache für eine solche Entscheidung. Zudem darf nicht übersehen werden, daß noch so gute Management-Ressourcen oder Abwicklungsreserven ein Exposure mit hohem Gefährdungspotential sowie die hohen Kosten nicht immer werden ausgleichen können.

Bedenkt man, daß das Ziel eines jeden Run-Off die endgültige Beendigung aller Haftungen und Verbindlichkeiten ist, so gibt es neben der Möglichkeit, den Run-Off in Eigenregie durchzuführen, auch andere Optionen wie zum Beispiel

  • den Verkauf der Gesellschaft;

  • den Transfer des Bestandes auf eine andere Gesellschaft;

  • verschiedene Formen der Liquidation (z.B. Scheme of Arrangement);

  • und leider im zunehmenden Maße als Folge einer Run-Off-Entscheidung den Konkurs.

    Unerwähnt bleiben sollten an dieser Stelle nicht die vielen versicherungstechnischen Möglichkeiten, Verbindlichkeiten zu begrenzen, wie etwa durch die verschiedenen Formen der „Financial Reinsurance”.

    Situation in Deutschland

    Auch die Situation in Deutschland wurde geprägt von den oben bereits erwähnten Entwicklungen am internationalen Versicherungs- bzw. Rückversicherungsmarkt. So haben seit dem Ende der 80er Jahre nicht nur einige professionelle Rückversicherungsgesellschaften die Zeichnung von aktivem Rückversicherungs-Geschäft eingestellt, sondern auch viele Erstversicherungsunternehmen, die neben der Plazierung ihres eigenen Geschäftes aktiv Rückversicherung gezeichnet haben.

    Im Erstversicherungsmarkt ist im wesentlichen die Einstellung des Geschäftsbetriebes von kleineren ausländischen Tochtergesellschaften bzw. Zeichnungsagenturen sowie sicherlich auch die Aufgabe einzelner Versicherungszweige erfolgt. Das Volumen dieser Bestände im weltweiten Vergleich ist allerdings geringfügig, könnte jedoch zunehmen angesichts der fortschreitenden Konzentration auch im deutschen Versicherungsmarkt. Diese Konzentration könnte nicht zuletzt auch dazu führen, daß einzelne Gesellschaften nicht aktiv fortgeführt werden.

    Vergleicht man weiterhin die Run-off-Situation in Deutschland mit deine insbesondere in Großbritannien bzw. Amerika, so gibt es einige gravierende Unterschiede. Sowohl in Amerika als auch in Großbritannien sind eine Vielzahl der Gesellschaften, die zunächst in die Abwicklung versetzt wurden (hiermit ist nicht Abwicklung im gesellschaftsrechtlichen Sinne gemeint), später in Konkurs gegangen, da in der Regel die Gesellschaften nicht ausreichend reserviert bzw. die Investmenterträge nicht für die anfallenden Abwicklungskosten bzw. notwendige Erhöhung von Reserven ausreichten.

    Diese Situation hat es in Deutschland bisher noch nicht gegeben und es bleibt zu hoffen, daß es zu solchen Entwicklungen in Deutschland auch zukünftig nicht kommen wird. Bisher zumindest haben die Aktionäre der betroffenen Gesellschaften entweder über Rückversicherungs-Verträge oder über den Einschuß von neuem Kapital dafür gesorgt, daß kein Konkursgrund gegeben war.

    Sicherlich ist auch die Reservierung, insbesondere für Latenzschäden, konservativer als im Ausland erfolgt. Dies hatte jedoch andererseits zur Folge, daß zunehmend die Finanzbehörden die Rechtmässigkeit- und Angemessenheit insbesondere von Spätschadenrückstellungen bezweifelt haben. Nur in Zusammenarbeit mit den Abschlußprüfern und speziell durch gutachterliche Stellungnahmen aus Expertenhand konnten die Steuerprüfer schließlich davon überzeugt werden, daß ein Vortragen derartiger Reservierungen auch über einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren durchaus angemessen ist.

    In der Vergangenheit war zu beobachten, daß in Deutschland die Bereitschaft der Aktionäre bzw. der Geschäftsleitung der betroffenen Gesellschaften, die Abwicklung der Gesellschaften bzw. der Vertragsbestände durch Drittfirmen vornehmen zu lassen, ausgesprochen gering war. Lediglich in Ausnahmefällen wurden aktive Rückversicherungs-Abwicklungsbestände von Erstversicherern an große professionelle Rückversicherer übergeben, welche in Deutschland entsprechende Dienstleistungen anbieten, um ihre bestehenden Geschäftsbeziehungen zu pflegen und auszubauen, oder aber an eine erfahrene Beratungsfirma, welche dieses Geschäft in Deutschland seit inzwischen 10 Jahren erfolgreich betreibt.

    Angesichts guter Erfahrungen hat sich indes auch in Deutschland die Einstellung der Versicherungswirtschaft zur Abgabe der Bearbeitung der sich in Abwicklung befindlichen Bestände gewandelt und zunehmend wird ein Outsourcing dieser Funktionen in Betracht gezogen. Dies entspricht dem allgemeinen Trend zum Outsourcing von Funktionen in der Versicherungswirtschaft. Diese Situation unterscheidet sich ganz wesentlich vom englischen und amerikanischen Markt, wo bereits eine Vielzahl von “Run-off Providern” existieren, um das wesentlich größere Abwicklungsgeschäft etwa im Londoner Markt, insbesondere auch für Equitas, zu betreiben. Teilweise wurden diese Anbieter auch von deutschen Gesellschaften beauftragt, die Geschäft am englischen Markt meist über Tochtergesellschaften bzw. Zeichnungsagenturen akzeptiert haben, um diese Bestände vor Ort abwickeln zu lassen.

    Die angesprochenen Unterschiede in Bezug auf den Run-off zwischen dem deutschen und den wesentlichen ausländischen Märkten gelten um so mehr für die insolvenzrechtliche Situation. Während die US-Haftpflichtkrise der achtziger Jahre und der Hurrikan Andrew 1992 die Insolvenzen etwa in den USA für mindestens ein Jahrzehnt in die Höhe trieben, in Großbritannien die Kumulation von Naturkatastrophen Ende der achtziger Jahre sowie der rückläufige Markt Anfang der neunziger Jahre zu großen Verlusten führten, aus denen geradezu eine Insolvenzwelle resultierte, und in Frankreich vor allem während der Immobilienkrise Anfang der neunziger Jahre Insolvenzen zu beklagen waren, blieb der bis 1994 stark regulierte deutsche Versicherungsmarkt in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere von Insolvenzen verschont.

    So ist seit den dreißiger Jahren kein einziger Insolvenzfall bekannt, jedenfalls, wenn man regionale Kleinstversicherer und private Vereine nicht berücksichtigt, welche auf Landesebene beaufsichtigt werden und statistisch kaum zu erfassen sind. Weiterhin ist allerdings zu vermuten, daß sich hinter der einen oder anderen (Teil-)Bestandsübertragung, Übernahme und/oder Fusion ein in finanzielle Schwierigkeiten geratenes Unternehmen verborgen hat. Soweit eine solche Vermutung zutreffend ist, betrifft dies indes lediglich Erstversicherer. Verkäufe von Rückversicherung-Gesellschaften bzw. Übertragungen von Rückversicherungs-Beständen auf andere Gesellschaften hat es am deutschen Markt nur bedingt gegeben. Dies liegt sicherlich auch daran, daß Übertragungen von Rückversicherungs-Verträgen nur dann rechtswirksam sind und mit schuldbefreiender Wirkung erfolgen können, wenn diese im Wege einer Novation mit Zustimmung der Zedenten erfolgt, was in der Regel sehr schwierig und mit hohen Kosten verbunden ist.

    Trotz der sowohl gesetzlich als auch aufsichtsrechtlichen Regelungen und Kontrolle können für die Zukunft Insolvenzen von Versicherungsgesellschaften in Deutschland insbesondere auch angesichts der durchgeführten Deregulierungen nicht ausgeschlossen werden, wenn es sicherlich auch nur bei Einzelfällen bleiben wird. So wird die Gefahr von Insolvenzen wohl vor allem angesichts des verschärften Wettbewerbs größer. Besonders gefährdet sind junge Unternehmen mit geringer Kapitalausstattung. Beispielsweise beträgt das vorgeschriebene Mindestkapital für einen neuen Lebensversicherer gerade einmal 1,6 Millionen Mark. So waren auch schon in 1998 drei kleine Lebensversicherer praktisch Konkurs. Auch in diesen Fällen haben andere Gesellschaften geholfen, nur kann man sich darauf natürlich nicht immer verlassen.

    Auch ein im Companies Act 1985 (sections 425 et seq.) nach englischem Recht geregelten und bereits mehrfach erfolgreich durchgeführten „Solvent Scheme of Arrangement”, also die freiwillige Liquidation eines solventen (Rück-)Versicherunsgunternehmens unter Berücksichtigung der Interessen der Versicherten, der Shareholder, der Aufsichtsbehörde und der Rückversicherer, ist im deutschen Recht selbst nach der neu eingeführten Insolvenzordnung in dieser Form unbekannt. Dies liegt wahrscheinlich auch daran, daß bislang die geltenden liquidationsrechtlichen Bestimmungen den Versicherungsgläubigern in Deutschland einen ausreichenden Mindestschutz gewähren.

    Der deutsche Gesetzgeber läßt keinen Zweifel daran, auch in Zukunft eine ausreichende Wahrung der Belange der Versicherungsnehmer sicher zu stellen. Doch auch im Zuge der zunehmenden EU-weiten Geschäftstätigkeit der Versicherungsunternehmen ist den Interessen und dem Schutz dieses Personenkreises Rechnung zu tragen. So hat auch der Rat der Europäischen Union den erhöhten Regelungsbedarf sowie die Tatsache erkannt, daß das europäische Versicherungsaufsichtsrecht ohne Regelungen über die Sicherung der Versicherungsnehmer bei Konkurs bzw. administrativer Schließung von Versicherungsunternehmen unvollständig ist.

    Ein entsprechendes Richtlinienvorhaben über die Zwangsliquidation von Versicherungsunternehmen ist bereits seit Jahrzehnten in der Diskussion, ruhte jedoch in den letzten Jahren. Nachdem die Arbeiten der EU-Kommission wieder aufgenommen wurden, bleibt zu hoffen, daß die Liquidation von Versicherungsunternehmen in Deutschland auch weiterhin die große Ausnahme bleibt.

    Zusammenfassung

    Es ist schwer vorhersehbar, wie sich in der Zukunft die Run-off-Situation in Deutschland entwickeln wird. Setzt sich der Konzentrationsprozeß fort, kann es durchaus sein, daß es kleinere Gesellschaften geben wird, die sich nicht erfolgreich von dem immer stärker werdenden Wettbewerb abgegrenzt haben (wie dies z.B. Regional- oder Nischenanbieter tun) und deshalb die Zeichnung des Versicherungsgeschäftes, zumindest in Teilbereichen einstellen werden. Es bleibt abzuwarten, ob die betroffenen Bestände von größeren Versicherungsgesellschaften übernommen oder aber diese doch durch das bestehende Management selbst oder durch Dritte abgewickelt werden.

    Abschließend kann festgestellt werden, daß die deutsche Versicherungswirtschaft aufgrund der historischen Erfahrungen alles unternehmen wird, um Konkurse von Gesellschaften, die in Run-off versetzt sind, zu vermeiden, um den untadeligen Ruf der deutschen Versicherungswirtschaft nicht zu schädigen und weiterhin das Vertrauen der Versicherungsnehmer zu erhalten. Dies ist sicherlich ein Wettbewerbsvorteil für die deutsche Versicherungswirtschaft, die sich zunehmend auch mit Konkurrenten aus dem Ausland auseinandersetzen muß.

  • Dr. Wolfgang Eilers und Dr. Hubertus W. Labes, sind bei Chiltington International, Rellingen /b. Hamburg.